Ausstellungskatalog 1986

 

Katalogtext:

Siegfried Kortemeier  »Nulla dies sine linea«

Vor 80 Jahren wurde Siegfried Kortemeier geboren, vor 60 Jahren traf ich ihn in der Kunstgewerbeschule Bielefeld als Student bei Professor Georg Trump, dem Schriftkünstler und Meister der elementaren Typographie. Hier erfuhr er, daß Schriftschreiben eine strenge Lehre der Kunst ist, daß Buchstaben Bannzeichen sein können, daß sie nicht nur der Mitteilung dienen, sondern Geist mit der Form in Harmonie setzen können. Die Architektur der Antiqua, der lockere Duktus handgeschriebener Zeilen, die Verteilung von Schwarz und Weiß, die Proportionen des Satzspiegels sind Elemente einer Kompositionslehre, die Grundlagen schafft.

Wenn Siegfried Kortemeier später meinte, daß er als Maler und Zeichner im wesentlichen Autodidakt sei, so soll das für die Wahl seiner Sujets und für seine Farbenwelt gelten. Doch meine ich, daß die vier Jahre, in denen er vier Mal in der Woche nach einem Achtstundentag als Lithograph in die Kunstgewerbeschule fuhr, ihm nicht nur das Rüstzeug für seine Tätigkeit als Buchgestalter, sondern auch entscheidende Impulse für seine künstlerische Entwicklung gaben. Dabei traf alles, was er empfing, auf seine außerordentliche Erlebnisfähigkeit.

In der Mitte der zwanziger Jahre waren die Kunstrevolutionen erst gerade vergangen, zum Teil noch im Schwange. Die neuen visuellen Entdeckungen wurden jetzt erst durch Publikationen und Ausstellungen so recht verbreitet. Mit heißem Kopf wohl studierte der junge Siegfried Kortemeier den berühmten Band Carl Einsteins »Die Kunst des 20. Jahrhunderts« aus der Reihe der Propyläen Kunstgeschichte in der gut bestückten Schulbibliothek. Dank des damaligen rührigen Leiters der Kunsthalle, Dr. Heinrich Becker, konnte man in Bielefeld die Maler der »Brücke« und des »Blauen Reiters« sehen und auch eine große Munch-Ausstellung. Gropius kam und begeisterte für das Bauhaus. Der eine oder andere aus unserem Kreis folgte seinem Ruf nach Dessau. Siegfried Kortemeier zog es nach Berlin, wo die damals vorzügliche Sammlung zeitgenössischer Kunst im Kronprinzenpalais lockte und die Hochschule für freie und angewandte Kunst, an der er noch einige Semester ergänzende Studien trieb.

So hatte er das Glück, in einer Zeit neuer visueller
 Erlebnisse zu studieren. Einige Jahre später war das alles
 vorbei und sollte nicht mehr gelten. Da entdeckte er das
 Stedelijk-Museum in Amsterdam, und auch Paris wurde
 ihm vertraut. So blieb er mit der Entwicklung verbunden, schärfte Blick und Urteil.

Die freie Kunst wurde seine private Leidenschaft. Die Tätigkeit als Buchgestalter im Bertelsmann-Verlag, der zur Zeit seines Eintritts etwa 150 Mitarbeiter hatte, gab ihm Gelegenheit, ohne Konzessionen anständige graphische Arbeit zu leisten. So brauchte er seine Bilder nicht auf den Markt zu bringen, als die Zeit unzeitgemäß wurde. Sein Arbeitsfeld waren nicht nur Bucheinband und Typographie, sondern auch die Illustration. Da er ein unermüdlicher Zeichner war, wurde sein Strich spontan und lebendig. So gelang es ihm, eine Illustration als frische Skizze hinzuschreiben. Sie als Reinzeichnung auszuführen, wie man es von ihm verlangte, wäre für die spontane Illustration tödlich gewesen. Sie hätte ihre Frische verloren. Er bat mich, den er zu gelegentlicher Mitarbeit herangezogen hatte, mit ihm zusammen beim Verleger Mohn seine Auffassung durchzusetzen. Der war sofort einverstanden.

Der Verlag erkannte bald, was er an ihm hatte. Seine Buchausstattungen wurden in Zeitschriften der Graphik publiziert, in Ausstellungen auch im Ausland gezeigt, so im Victoria und Albert-Museum in London. Als der Verlag wuchs und wuchs, zeigte der lyrische Zeichner Siegfried Kortemeier seine Fähigkeit zu leitender Tätigkeit. Das sah man schon seinem westfälischen Schädel mit willensstarker Stirn an. Er hatte zudem eine Eigenschaft, die ihn für diese Aufgabe prädestinierte. Schon als Student hatte ich bemerkt, daß er die gelungene Arbeit anderer neidlos anerkennen konnte. Jetzt, im wachsenden Verlag, zog er bekannte Künstler zur Mitarbeit heran oder gab jungen Talenten die Möglichkeit zum Aufstieg. Als ich selbst später eine Kunstschule leitete, war er auf meine Bitte als Fachprüfer bei den Examen tätig und nahm manchmal die Besten der Prüflinge mit.

Diese Ausstellung zeigt vorwiegend das malerische Werk und die freie Graphik von Siegfried Kortemeier, doch durfte die Schilderung seiner so verdienstvollen Tätigkeit auf dem Gebiet der angewandten Graphik zu einem so runden Jahrestag nicht fehlen.

Das freie Werk Siegfried Kortemeiers, das er ohne Auftrag aus eigenem Antrieb schuf, steht in der Spannung zwischen dem Naturerlebnis und der Umwandlung in das im Atelier komponierte Bild.

Die Arbeiten vor der Natur, die Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen empfangen ihre Qualitäten von ihrer Spontanität. Die frische Niederschrift fängt Duft, Farbe und lyrische Stimmungen ein. Durch die Spontanität kommt die Handschrift des Künstlers zum Ausdruck, seine unverwechselbare Eigenart. Dieser Formprozess dominiert im Atelier. Jetzt sind die Skizzen vor der Natur nur der Anlaß, vom Bekannten ins Unbekannte zu gehen. Die Formen, die Farben, die Volumina verwandeln sich nun noch entschiedener nach dem Gesetz, das dem Künstler innewohnt. In den Stilleben werden die Formen auf ihren Ausdruckswert innerhalb der Komposition untersucht. Eine geheime Geometrie der Bildordnung von Waagerechten, Senkrechten und Diagonalen spielt ihre Rolle. Eine Neigung zur Abstraktion verläßt doch nicht den Gegenstand. Die Konzentration der Formen komprimiert den Ausdruck,

Nach dem Kriege tritt Siegfried Kortemeier mit solchen schon in den zwanziger Jahren empfangenen Imaginationen in den Ausstellungen auf. 1948 finden wir ihn in einer Ausstellung des »Jungen Westen«, einer der progressiven Gruppen. In der Folge ist er auf wichtigen Landesausstellungen und im Ausland vertreten, so auf der 1. Internationalen Triennale in der Schweiz. Er reist zeichnend und malend durch Europa von Skagen bis Südfrankreich. Er liebt die Flußniederungen, die Küsten und die Häfen, die Weite und das Meer, die Lineatur von Masten und Rahen. Die Titel seiner Bilder erzählen von den Orten seines Schaffens: Strand bei Knokke, Strand bei Duinbergen, Seezeichen, Bojen, Südliche Hafenmole, Häuser bei Calais, St. Maries de la-Mer.

Er beherrscht souverän die Techniken: die Rohrfederzeichnung, die Ätz- und Kaltnadelradierung, das Aquarell und die Ölmalerei. Wie er, der voll in der Arbeit eines großen Verlages stand, in Freizeit und Ferien ein so umfangreiches Werk schaffen konnte, ist nur mit »nulla dies sine linea« zu erklären. Er hatte die Fähigkeit, sich durch Kunst zu regenerieren.

Jupp Ernst