Ausstellungskatalog 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Katalogtext:

S. K., so signierte er, flüchtig in Schräglage hingesetzt, seine Arbeiten. Siegfried Kortemeier. Ein Künstler, der durch seine Zurückgezogenheit die ihm gebührende Anerkennung zu Lebzeiten leider nicht fand. Er war Westfale, in Gütersloh geboren, nicht leicht zugänglich, ordnungsliebend, doch für alles Schöne sich begeisternd und mit einer ungeheuren Energie, einem Fleiß ausgestattet, wenn es um Kunst ging, seine Kunst. Unzählige Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen, Fotos, Ölgemälde und nicht zuletzt seine buchkünstlerischen Arbeiten sind Zeugnisse eines schöpferischen Lebens.

Rund 40 Jahre war er für das Haus Bertelsmann tätig, zeichnete für die Ausstattung der Bücher verantwortlich, erst für den C. Bertelsmann Verlag, später für den Bertelsmann-Lesering – eine große Aufgabe. In diese Zeit gab er unzähligen Büchern ihr Gesicht, passte die äußere Form dem Inhalt an und bestimmte die typographische Gestaltung einzelner Werke. Er war ein hervorragender Schriftmann. Sein Können reichte von freien, frech mit dem Pinsel hingedrückten Zeilen bis hin zu gezeichneten und präzise ausgeführten Titeln. Er schrieb eine Fraktur genau so sicher, wie er den Duktus der englischen Schreibschrift beherrschte. Vignetten und Illustrationen rundeten sein gestalterisches Können auf dem Buchsektor ab und schmücken viele Bände.

Wenn die Arbeit für das Buch zur angewandten Kunst gehörte, so suchte und fand er im freien Schaffen Ergänzung und Ausgleich. Viele Motive entdeckte er auf seinen zahlreichen Studienfahrten. Wenn er unterwegs nicht zeichnete oder malte, griff er zur Kamera. Kästen angefüllt mit Dias, exakt beschriftet und sortiert, sind technische Zeugen seiner Reisen. Mit dem Auge des Malers gesehen und auf das Format 6×6 cm gebracht, sind sie weit von „nur Fotos“ entfernt: Kunstwerke. Zu einer Zeit, da es noch nicht selbstverständlich war, abgerissene Plakatwände zu fotografieren, hat er dieses Thema aufgegriffen und wie in kleinen Gemälden festgehalten. Da stimmte alles, Form und Farbe: ob es Teerflecke und Kratzspuren auf nacktem Beton waren, Schiffsteile groß im Ausschnitt oder ob da „Angespülsel“ schillernd gefärbt und mit Öl überzogen in seichtem Wasser schwappte. Alle, die diese Dias einmal gesehen hatten, waren von ihrer Schönheit begeistert. Ganze Serien von holländischen Giebeln hat er uns einmal an die Wand projiziert, einer besser eingefangen als der andere. Es waren aber nicht nur Farbfotos, die er erzählen ließ. Früh schon entwickelte und vergrößerte er seine Schwarz-Weiß-Fotos selber. Sie waren eindrucksvoll. Es ist bedauerlich, dass er sie so wenigen Betrachtern zugänglich gemacht hat. Wie die meisten seiner Schöpfungen waren sie ruhig im Aufbau. Spuren im Sand, Stühle, Lampen, Strandkörbe und Seezeichen vor dem dunklen Wasser der Nordsee. Siegfried Kortemeier hat diese Stimmungen in seiner Malerei aufgegriffen, sie durchziehen wie ein roter Faden das malerische Werk. Die in den Anfängen detailreichen Landschaften, Hafenlandschaften, Häuser- und Straßenzüge entwickelten sich mit der Zeit zu immer klareren, abstrahierten Formgefügen, zu einem wohlausgewogenen Spiel mit Flächen, Formen und Farben. Dennoch hat er die Gegenständlichkeit nie ganz aufgegeben. Die Herkunft seiner Motive aus Natur und Architektur bleibt erkennbar. Seine großformatigen Ölbilder aber auch zahlreiche Ölskizzen sprechen diese Sprache. Die Farben sind aufeinander abgestimmte Harmonien, gebrochen – selten laut. Er probierte oft lange, bis er die richtige Nuance fand. Diese stillen Töne des nördlichen Lichts, aus häufig von Wolken verhangenem Himmel, finden sich in allen Phasen seines künstlerischen Schaffens. Hinzu treten Radierungen in allen Techniken, die er in kleinen Auflagen selbst druckte. Über frühe Landschaftsszenen aus der Gütersloher Umgebung bis zum freien Formenspiel, den losgelösten Kom­positionen im Hauptwerk, stehen sie gleichwertig neben seinen malerischen Entwicklungen.

Manchmal zeigte er uns in kleinem Kreis Skizzen seiner Reisen, Blei­stift- und Federzeichnungen. Hastig stellte er sie vor, Blatt für Blatt. Man musste schon schnell sehen können, um diese gezeichneten Briefe, diese Impressionen seines geliebten Hollands, zum Beispiel, ganz zu erfassen. Die Motive waren frei hingeschrieben, übersetzt schon im Strich. Eingefangene Landschaften, Häuser und immer wieder Häuser waren seine große Leidenschaft. In allen Variationen sind sie in seinem Werk zu finden. Oft brachte er auch Ölskizzen mit, farbige Berichterstatter seiner Fahrten. Da erzählten mit dem Pinsel hingetupfte Baum­reihen von der Schönheit des Sauerlandes, da duckten sich auf seinen Kartons Friesenhäuser an die Wasser kleiner Häfen und Fischerboote schaukelten vor dunklen Schleusen. Hier in dieser Stille war er ganz zuhause. Sein Interesse galt aber auch den Menschen. Zahlreiche Skizzen sprechen seine ihm eigene Sprache, sehr persönlich, nicht akademisch: ob es die Familie war, seine Söhne, Akte oder Bewegungsstudien. Sein im Bertelsmann-Lesering zu seinem 70. Geburtstag erschienenes Buch „Mädchen und Frauen“ beweist, dass er auch auf diesem Gebiet künstlerische Impulse geben konnte.
Kortemeier hat sich, auch wenn es um Kunst ging, für andere Kollegen immer neidlos fördernd eingesetzt. Er jurierte und richtete zahlreiche Ausstellun­gen mit aus. Dafür, dass er mir in der langen Zeit unserer Zusammenarbeit künst­lerischer Berater war, danke ich ihm. Siegfried Kortemeier war eine Persönlichkeit.

Karl Hartig